Vorfahrtsregeln beim Cup: Baum links bringt´s

Es geht eng zu beim America´s Cup. Zwar ist die Rennstrecke theoretisch mehrere Kilometer breit, spätestens an der Wendemarke geht es jedoch um Zentimeter.

Es wird eng zwischen der Alinghi und dem deutschen Team
Es wird eng zwischen der Alinghi und dem deutschen Team

Wenn die Kontrahenten Bug an Bug auf die Boje zurasen, entscheidet die Frage nach der Vorfahrt oft über Verlauf und Ausgang des Rennens. Die Regeln sind dabei einfacher, als es auf den ersten Blick erscheint.

Das überholende Boot muss ausweichen

Vorfahrtsregeln auf offener See haben einen nahe liegenden Sinn: Wie auch im Straßenverkehr gilt es, Kollisionen zu vermeiden. Auf dem Wasser kommt jedoch erschwerend hinzu, dass Segelboote keine Bremsen haben.

Jeder Freizeitkapitän hat daher zunächst drei generelle Vorfahrtsregeln verinnerlicht: Fischerboote und manövrierbehinderte Fahrzeuge haben stets Vorrang, Segelboote haben Vorfahrt vor Motorbooten und das überholende Fahrzeug muss immer ausweichen.

Für den America´s Cup von Bedeutung sind jene Vorfahrtsregeln, die das Verhalten von Segelbooten unter sich betreffen. Die erste und wichtigste Frage ist dabei immer, ob die Kontrahenten den Wind von unterschiedlichen oder von derselben Seite bekommen. Dies lässt sich sehr einfach an der Stellung des Großsegels ausmachen.

Backbordbug vor Steuerbordbug

Wenn die Boote den Wind von unterschiedlichen Seiten bekommen gilt: Das Boot mit Wind von links (Backbord) - also das Boot mit dem Großsegel auf Steuerbord - muss ausweichen. Einfache Merksätze zu dieser Regel sind "Backbordbug vor Steuerbordbug" - oder auch "Baum links bringt´s".

Das vorfahrtberechtigte Boot hat beim Überholvorgang die Pflicht, den Kurs zu halten (Kurshaltepflicht). Das ausweichende Boot muss seinen Kurs derart ändern, dass es am Heck des vorfahrtberechtigten Bootes vorbeifahren kann (Ausweichpflicht).

Lee-Boot vor Luv-Boot

Wenn die Segelboote den Wind von der gleichen Seite bekommen gilt: Das luvwärtige Boot hat Ausweichpflicht und muss dem leewärtigen Boot Vorfahrt gewähren. Luv meint dabei die dem Wind zugekehrte Seite. Das Boot, das "näher" am Wind ist, muss also ausweichen. Hier heißt der Merksatz "Lee-Boot vor Luv-Boot".

Auch hier hat das vorfahrtberechtigte Boot wieder die Pflicht, den Kurs zu halten. Das ausweichende Boot muss erneut seinen Kurs so ändern, dass es am Heck des vorfahrtberechtigten Bootes vorbeifahren kann.

Die Segler beim America´s Cup kennen diese Regeln zwar in- und auswendig, zögern die Umsetzung jedoch gerne bis zur letzten Sekunde heraus. Folge sind haarscharfe Manöver, spektakuläre Duelle und ab und zu auch einmal eine Kollision. Eben ganz wie im Straßenverkehr.

Die Taktik der "wilden fünf Minuten"

Beim Segeln beginnt das Rennen faktisch schon fünf Minuten vor dem Start.

Startduell zwischen Victory Challenge und Desafio Espanol
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300 Sekunden lang streiten sich die Boote in der Vorstartphase um die beste Ausgangsposition, jagen sich gegenseitig über das Wasser und provozieren den Gegner zu Fouls.

Das bunte Treiben in diesen "wilden fünf Minuten" ist nur schwer zu durchschauen, dient letztlich aber nur einem Zweck: Mit Ablauf der Uhr als Erster und Schnellster an der Startlinie zu sein. Denn wer hier die Nase vorne hat, gewinnt zu 70 bis 75 Prozent auch das Rennen.

Wenn zwei sich streiten...

Eröffnet wird die Vorstartphase mit einem deutlichen Signalton, in dessen Anschluss die Yachten in die dreieckige Startbox, auch "magisches Dreieck" genannt, eintauchen.

Das von rechts kommende Boot steuert dabei mit gelber Flagge im Heck auf Backbordbug; der mit einer blauen Flagge gekennzeichnete Kontrahent segelt auf Steuerbordbug um muss erst einmal Vorfahrt gewähren.

Nun beginnt der "Tanz" der beiden Teams. Beim ersten Aufeinandertreffen der Boote erfolgt meist das klassische Dial-Up-Manöver, auch als "Hochdrehen" bezeichnet. Dabei gehen die Yachten zunächst auf Kollisionskurs, legen im letzten Moment hart Ruder und kommen so nebeneinander zum Stillstand. Eine Alternative für das gelbe Boot ist es, Blau passieren zu lassen, um sich anschließend an das Heck zu klemmen, den Gegner vor sich her zu jagen und zu Fehlern zu zwingen.

Etwa eine Minute vor dem Start löst sich ein Boot und nimmt den Weg zur Startlinie in Angriff, das zweite folgt umgehend. Aufgabe des Steuermannes ist es, den richtigen Zeitpunkt für diesen Schritt zu finden. Hat er ein ausgeprägtes "Time-on-distance-Gefühl" bewiesen, überquert das Boot exakt bei Ablauf des Countdowns und mit maximaler Geschwindigkeit die Linie. Endgültige Sicherheit über den Startvorteil gibt spätestens das erste Kreuzen.

Das Duell zwischen Jäger und Gejagtem

Beim America´s Cup wird ein so genannter Up-and-Down-Kurs gesegelt, der den Teams abhängig von der Windrichtung zahlreiche taktische Möglichkeiten bietet.

Valencia Louis Vuitton ACT 2&3: Emirates Team New Zealand gegen K-Challenge
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Die erste Etappe nach dem Start führt dabei drei Seemeilen gegen den Wind bis zur ersten Wendemarke, der Luvboje. Da die Boote hierbei kreuzen müssen, wird dieser Abschnitt als "Startkreuz" bezeichnet.

Die drei Varianten des Starts

Auf den ersten Metern der Kreuz entscheidet sich in der Regel, wer den Start gewonnen hat. Hierbei wird zwischen drei Varianten unterschieden:

Bei einem "Split tack" segeln beide Yachten zunächst auf unterschiedlichem Bug in unterschiedliche Richtungen. Die Luvyacht löst sich mit Hilfe dieses Manövers aus dem Abwind der Leeyacht.

Wenn dagegen beide Boote dicht nebeneinander und auf dem gleichen Bug beginnen, hat die Leeyacht als bevorteiltes Boot den Start gewonnen.

Starten die Teams auf gleichem Bug, aber weit voneinander entfernt, herrscht Uneinigkeit über die vom Wind begünstigte Seite. Hier zeigt sich in der Regel nach wenigen Minuten, wer die besseren Taktiker an Bord hatte.

Bei gleichmäßigem Wind hat das rechte Boot den Start gewonnen, da das linke Schiff eine Vorsprung von einer Bootslänge herausfahren muss, um nach einer Wende vor dem Bug des Backbord-Schiffes passieren zu können.

Nur wenig Platz auf der Kreuz

Spätestens nach dem ersten Kreuzen sind die Rollen zwischen Jäger und Gejagtem verteilt. Auf dem Weg zur ersten Wendemarke bieten sich nun dem Verfolger kaum Möglichkeiten zum Überholen. Die in Führung liegende Yacht versucht, das zurückliegende Boot permanent abzudecken, also den von vorne kommenden Wind zu "stehlen". Weiterhin probiert das vorne liegende Team, auf der vom Wind bevorzugten Seite zu bleiben und die andere Yacht auf die benachteiligte Seite zu zwingen.

Der Verfolger versucht derweil, der Kontrolle zu entkommen und dem Windschatten der führenden Yacht aus dem Wege zu gehen. Die Folge dieser Taktik sind lange und kraftraubende Wendeduelle. Ziel der zurückliegenden Yacht ist es, die führende Yacht aus dem Windrhythmus zubringen und dann von der rechten Seite mit Wegerecht anzugreifen. Da eine Wende etwa eine Bootslänge kostet, bleibt das führende Boot manchmal auf Kurs, geht damit aber auch ein Risiko ein.

Vor dem Wind ist Zeit für Attacken

Nach dem Passieren der Wendemarke kommt der Wind von hinten, nun spricht man vom "Vorwindkurs". Spätestens auf diesem unter den voluminösen Spinnaker-Segeln gefahrenen Teilstück hat das hinten segelnde Boot gute Chancen, das führende anzugreifen - falls bis dahin der Abstand nicht schon zu groß ist.

Zu diesem Zweck ist es nun die Aufgabe des Verfolgers, dem Vordermann buchstäblich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das führende Boot muss folglich auf alle Halsen reagieren, um nicht in den Abwind zu geraten. In der Regel gelingt es dem zurückliegenden Boot, auf diese Art den Rückstand zumindest zu verkürzen und so noch einmal für Spannung zu sorgen.

Eine Neuheit erwartet die Teams beim 32. America´s Cup am Ende des ersten Vorwindkurses. Hier dient nicht wie bisher nur eine Boje als Wendemarke, sondern eine Art Tor. Dieses wird von zwei in einer Entfernung von sechs Bootslängen platzierten Bojen gebildet. Die Steuermänner können entscheiden, welche der beiden Marken sie kreisen. Der zurückliegenden Yacht wird damit eine weitere Chance geboten, Boden auf den Führenden gut zu machen.